Text: Gastbloggerin Carla Verhagen, Zuiver Designteam

Bestimmt kennen Sie das auch: Kaum zurück aus dem Urlaub, die Fotos noch nicht einmal genauer betrachtet und schon gehen Sie wieder vollständig in Arbeit und anderen Dingen auf. Nach der Dutch Designweek ist das nicht anders. Es ist berauschend, sich dort umzuschauen und man nimmt so enorm viele Eindrücke mit, dass es jetzt für einen Rückblick allerhöchste Zeit wird. Während ich die Fotos noch einmal anschaue, Geschichten und Hintergründe dazu lese, tauche ich erneut tief ein in das Glücksgefühl, das die Dutch Design Week noch immer bei mir hervorruft.

Martijn Paulen, Geschäftsführer Dutch Design Foundation:?
„Eindhoven ist die Forschungs- und Entwicklungsabteilung für Design“

Alles kann man in drei Tagen unmöglich sehen. Aber die Zeit reicht, um sich einen guten Eindruck darüber zu verschaffen, was die Designer von heute so umtreibt. Sie sind die Gestalter der Zukunft. Sie reagieren auf aktuelle gesellschaftliche, politische und ökonomische Entwicklungen, sie suchen nach Antworten und denken in Lösungen. Manchmal auf Mikroebene, aber oft auch mit dem gesamten Planeten im Hinterkopf.
Persönlich finde ich es besonders spannend zu sehen, wie die Themen, die über Jahre hinweg immer wiederkehren, sich allmählich verschieben: Von der konzeptuellen Pionierarbeit eines Einzelnen hin zu immer häufigerem und breiterem Aufgreifen von Ideen durch die Masse und die Industrie.

Manche Ideen,  Konzepte und Produkte sind mir ganz besonders intensiv im Gedächtnis geblieben – aus sehr unterschiedlichen Gründen: sie sind witzig, genial, großartig – und noch viel mehr. Gerne teile ich eine kleine Auswahl davon mit Ihnen!

Penpal – App an Oma – Estis Design (Studenten der Universität Twente)

Unter den heutigen Achtzigjährigen sind zwar etliche, die wissen, wie man eine WhatsApp schreibt, aber es gibt auch viele, die dies nicht beherrschen. Der Penpal schlägt eine Brücke zwischen neuer Technologie und alten Bräuchen, und versucht so dazu beizutragen, dass ältere Menschen nicht vereinsamen oder isoliert werden.
Der Penpal wird als Gerät bei dem älteren Menschen zu Hause (oder im Zimmer des Seniorenwohnheims) installiert. An den Penpal geschickte WhatsApps werden automatisch gedruckt und fallen dann zum Beispiel bei Oma in den „Briefkasten“. Die beiliegende Antwortkarte kann Oma dann für das Verfassen einer handschriftlichen Nachricht verwenden. Diese wird in denselben Briefkasten geworfen. Dort wird sie gescant und der auf die Karte gedruckte QR-Code definiert, an wen die Abbildung gesendet werden soll. Da sowohl Enkel oder Enkelin als auch Oma auf ihre eigene, gewohnte Weise kommunizieren können, ist die Hemmschwelle niedrig und so kann munter kommuniziert werden – hoffentlich ganz oft! Außerdem wird die Karte sofort zugestellt, das heißt, man braucht nicht einmal mehr auf den Postboten zu warten!

Foto: Ermi van Oers

Living Light – Ermi van Oers & Team

Eine kleine Reise zurück in den Biologieunterricht. Denn hier haben wir es mit einer Lampe zu tun, die ihre Energie aus dem Prozess der Fotosynthese von Pflanzen zieht. Geht Ihnen schon ein Licht auf?Und als wäre das nicht außergewöhnlich genug: Einen Ein-/Ausschalter gibt es nicht, Sie regulieren das Licht, indem Sie das Blatt berühren. Eine neue Technologie, entwickelt aus unserem Energiebedarf und immer knapperer Ressourcen. Aber das ist längst nicht alles: Die Idee, einen Park von den in ihm stehenden Bäumen beleuchten zu lassen, ist bereits geboren. Was für eine fantastische Fremdbestäubung von Natur, Wissenschaft und Design! Wenn Sie gern mehr wissen und das Projekt weiter verfolgen möchten, gehen Sie zur Website von Living Light.

Ermi van Oers - Designer Living Light:
„Wir sollten weiter träumen und unsere Träume visualisieren, um andere zu inspirieren, damit wir einem nachhaltigeren Energiesystem näher kommen.“

Foto: Mirjam de Bruijn

Twenty – Mirjam de Bruijn

Waschmittelfabrikanten bieten ihre Produkte in immer kompakterer Form an. Das brachte Mirjam zum Nachdenken. Sie forschte nach und stellte fest, dass viele flüssige Reinigungsmittel und Pflegeprodukte bis zu 80% Wasser enthalten.
Mit ihrem Konzept Twenty geht sie von den Produkten in konzentrierter, fester Form aus: den 20%, die noch übrig bleiben, wenn man das Wasser wegließe. Die Idee ist, dass man einmalig eine schöne Flasche kauft und diese immer wiederverwendet. Danach kauft man „Shampootabletten“, gibt 80% Wasser dazu und hat wieder sein gewohntes Shampoo. Die trockenen Produkte können anders verpackt oder sogar lose verkauft werden. Das macht nicht nur einen großen Unterschied beim (Plastik-)Müll, sondern verringert auch den CO
2-Ausstoß, wenn wir nicht auch noch zusätzlich das ganze Wasser transportieren. Mirjams Abschluss der Design Academy mit cum laude ist wirklich sehr verdient!

Mirjam de Bruijn:
„Mit dem steigendem Problembewusstsein hoffe ich, die Konsumenten so zu aktivieren, dass eines Tages das Konzept Twenty zum Standard für Haushaltsmittel werden wird.“

PerFlex – Brigitte Kock, Bart Pruijmboom und Niek van Sleeuwen, Studenten Industrial Design, TU Eindhoven

Auf der Website von PerFlex können Sie demnächst Ihre eigenen Körperdaten für einen „tailor-made wearable“ eingeben. Das Kleidungsstück, das Sie sich ausgesucht haben (BH, Schuhe, egal was) wird den von Ihnen angegebenen Maßen angepasst. Ein einzigartiges und persönliches Exemplar, das perfekt passt, statt Standardproduktionen, die auf den Maßen von Durchschnittsmenschen beruhen. Ihr Kleidungsstück quillt dann aus dem 3D-Drucker und ich habe mir erzählen lassen, dass es auch bequem sitzt!

Precious Plastic 3.0 – Dave Hakkens

Okay, ich gebe es zu – ich folge Dave schon sehr interessiert seit 2013, als er mit gleich 2 Projekten cum laude sein Studium abschloss: Zunächst mit Phonebloks, einem modularen Telefon, bei dem Einzelteile nach Wunsch und Bedarf ersetzt werden können, damit weniger Elektronikmüll anfällt. Und dazu noch die Version 1.0 des noch immer laufenden Projekts Precious Plastic und seine Methode, dem Plastik den Kampf anzusagen.
Dave’s revolutionäre Art zu denken und der feste Glauben an das, was er tut, bringt ihn weit. Dass er überhaupt nicht materialistisch eingestellt ist, hilft zweifelsohne. Für Precious Plastic wurde er 2014 mit einem Preis von 10.000 Euro ausgezeichnet. Diesen Betrag hat er jedoch augenblicklich demjenigen gestiftet, der ihm mit dem Projekt weiterhelfen könne. Bei der letzten DDW gewann Dave im VPRO-Fernsehprogramm „De Toekomstbouwers“ („die Zukunftbauer“) erneut 10.000 Euro. Mit seiner Version 3.0 lag er allerdings schon 4000 Euro über seinem Etat; die übrigen 6000 verteilte er unter dem „Precious“-Team aus Freiwilligen. Sich selbst gönnte er einen leckeren Schokoladenriegel.

Dave Hakkens:
„Es sind keine Werkzeuge, Maschinen oder Technologien, die unser Kunststoffproblem lösen. Wir brauchen eine Verschiebung in unserer Denkweise, damit wir Plastikmüll als wertvolle Ressource sehen“

Dave will mit „Precious Plastic“ weltweit ein neues Bewusstsein bei den Konsumenten schaffen. Was wäre denn, wenn wir Plastik nicht länger als problematisches Abfallprodukt betrachteten, sondern als wertvollen Grundstoff, wenn nicht sogar das neue Gold? Dave hat sich relativ leicht nachzubauende Maschinen ausgedacht, um das Plastik recyceln zu können. Die Zeichnungen & Videoanleitungen dazu sind für jedermann – Open Source – verfügbar und die benötigten Materialien fast immer und überall vorhanden. So findet man seine Maschinen schon weltweit und die Precious Plastic Community wächst unaufhörlich. Jeder kann einen solchen Plastik-Workshop machen, im Sinne von „Kleinvieh macht auch Mist“.
Auf seinem eigenen YouTube-Kanal
finden Sie alle Videos mit Anleitungen, Hintergründen und sehr viel anderen Stoff zum Nachdenken. Garantiert locker präsentiert!

Verspielte Installationen mit einer Botschaft – Jelle Mastenbroek

Immer wieder gelingt es Jelle, die Besucher mit einer neuen, genial bedachten Installation zu überraschen. 2013 machte er seinen Abschluss mit „Splendor Lender“, einem Fingerzeig auf den Vitrinenschrank früherer Zeiten, bei dem es vor allem um Status und Prestige ging. Werfen Sie einen Euro in den Schrank und erleben Sie einen fröhlichen Moment: Der rollende Euro klimpert an Tassen und Tellern entlang und zaubert Ihnen ein Lächeln aufs Gesicht. Und Sie bekommen sogar Ihr Geld zurück – das ist wahrhaft unbegrenzter Genuss!
Letztes Jahr gewann er mit dem Projekt
„Data Orchestra“ einen Milano Design Award. Ziehen Sie Ihre Girokarte, den Führerschein oder die Kreditkarte durch den Leser und lassen Sie sich zu einem personalisierten Kammerkonzert einladen. Inwiefern sind Sie bereit, Ihre persönlichen Daten preiszugeben – und was tauschen Sie dafür ein?
My first Music Box“ ist wiederum eine ganz andere Kategorie, aber eine absolute Augen- (und Ohren-)weide für Jung und Alt, finde ich. Wenn Sie Kinder für Design begeistern wollen, sind Jelles Kreationen mit ihrem doch oft verspielten Charakter ein guter Anfang! Werfen Sie eine Münze in „My first Music Box und das Xylofon beginnt zu spielen, während auf dem Monitor darüber ein Hologramm des klassischen Spieldosenpüppchens über das Bild tanzt.

Wir bei Zuiver lieben junge Talente. Wir arbeiten gern mit ihnen zusammen und daraus entstehen schöne Dinge! Schauen Sie sich nur einmal den Albert Kuip Stuhl von Ape an, die Minimal Klok von Mierlo oder die Navigator Lampe von Olaf Weller. Wir sind stolz darauf!

Möchten Sie mehr über diese Designer und ihre Entwürfe erfahren? Sie alle haben ihre eigenen Websites, faszinierende Videos und spannende Animationen. Googeln Sie ruhig einmal! Und vergessen Sie nicht, die nächste DDW schon mal im Kalender zu notieren: 22.-28. Oktober 2018 in Eindhoven.

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